FA10-2011 Rothenburg und die Grafen von Hatzfeld (Vortrag anlässlich der Präsentation der reproduzierten Hatzfeld-Porträts im Rothenburger Rathaus am 25. Juni 2002, Albert Krämer, Creglingen) aus: Die Linde, Beilage zum fränkischen Anzeiger für Geschichte und Heimatkunde von Rothenburg, Oktober und November 2002 Die Vorgeschichte der drei Bilder, die 278 Jahre lang im Sitzungssaal des Rothenburger Rathauses angebracht waren und die Sitzungen des Rothenburger Stadtrats begleiteten, beginnt im Dreißigjährigen Krieg, wenige Jahre nach dem schicksalsschweren Jahr 1631, dessen Ereignisse die Stadt Rothenburg in seinen Festspielen mit viel Aufwand Jahr für Jahr wieder aufleben zu lassen versucht. Im Jahre 1636 bekam die Stadt Rothenburg im westlichen Teil der Landwehr neue Nachbarn. Hier hatte Rothenburg über 100 Jahre lang an die rosenbergische Herrschaft Haltenbergstetten, das heutige Niederstetten, gegrenzt. 1632 war mit Albrecht Christoph von Rosenberg, der in Waldmannshofen residierte und zu dessen Herrschaftsgebiet neben Haltenbergstetten und Waldmannshofen auch die Vogteien Rosenberg im Odenwald und Schüpf bei Mergentheim gehörten, der letzte männliche Vertreter des Hauses Rosenberg gestorben. Nach dem damaligen Lehensrecht fielen darauf die einzelnen Herrschaften mit allen damit verbundenen Rechten und Einkünften zurück an die Lehensherren. Haltenbergstetten als würzburgisches Lehen war zurück an den Bischof von Würzburg gefallen, und Bischof Franz von Hatzfeld hatte im oben erwähnten Jahr 1636 diese Herrschaft an seinen Bruder, den kaiserlichen Generalfeldmarschall Graf Melchior von Hatzfeld verliehen. Mit Graf Melchior von Hatzfeld kam auch dessen Bruder, Graf Hermann von Hatzfeld, nach Haltenbergstetten, um die Verwaltung zu übernehmen. Wer waren nun diese neuen Herren, die auch in der Geschichte der Freien Reichsstadt Rothenburg über mehrere Jahrzehnte hindurch eine bedeutsame Rolle spielen sollten, eine so bedeutsame, dass der Rat der Stadt sich verpflichtet fühlte, ihre Bildnisse zu „einem ewigen Gedächtnis“ im Sitzungssaal des Rathauses aufzuhängen? Die Familie, ein altes Adelsgeschlecht, das bereits 1138 urkundlich erwähnt wurde, stammt aus Nordhessen. Ihren Namen leitet sie von dem Ort Hatzfeld an der Eder ab, über dem heute noch Reste der Burgruine zu sehen sind. Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert erwarben die Herren von Hatzfeld die Herrschaften Wildenburg, Crottorf und Schönstein im Westerwald, die beiden ersteren durch Heirat. Der Vater der drei hier abgebildeten Brüder, Sebastian von Hatzfeld, entstammte der Crottorfer Linie. Er war ein vielseitig gebildeter Mann, hatte in Tübingen studiert und sich vor Aufnahme seines Studiums längere Zeit in der freien Reichsstadt Straßburg aufgehalten. Dort war er auch mit den reformatorischen Lehren in Berührung gekommen, denen er „durchaus zugetan“ war. Seine erste Gemahlin Lucia war eine Urenkelin der bekannten Ritter Franz von Sickingen, der in den Anfängen der Reformation unter der Reichsritterschaft eine führende Rolle spielte, und Georg von Frundsberg, der unter Kaiser Karl V. ein bedeutender Heerführer war und gemeinhin als „Vater der deutschen Landsknechte“ bezeichnet wird. Die drei Söhne Melchior, Franz und Hermann entsprangen dieser Ehe. Obwohl Sebastian von Hatzfeld nach dem Tod seiner Gemahlin Lucia wieder zum katholischen Glauben zurückkehrte, herrschte offenbar in der Familie ein sehr aufgeschlossener, weltoffener und in religiöser Hinsicht toleranter Geist, was sich auch in der späteren Einstellung der Söhne zeigte. Seinen drei Söhnen ließ Sebastian von Hatzfeld eine qualifizierte Ausbildung zukommen. Der Zweitälteste, Franz von Hatzfeld, geb. 1596, erhielt eine Ausbildung zum geistlichen Stand. 1631 wurde er zum Fürstbischof von Würzburg gewählt und 1633 zusätzlich noch zum Bischof von Bamberg. Er war dadurch einer der mächtigsten Reichsfürsten. Zunächst aber sah es nicht danach aus. König Gustav Adolf von Schweden hatte im Laufe des Jahres 1631 das ganze nördliche Deutschland besetzt. Im Herbst des gleichen Jahres erschien er vor Würzburg und nahm es nach kurzer Belagerung ein. Bischof Franz von Hatzfeld, gerade drei Monate im Amt, sah sich wenige Tage vor Ankunft der Schweden gezwungen, zu fliehen. Er wandte sich zunächst nach Mainz, später nach Köln, wo die Familie einen Hof besaß. Erst im Frühjahr 1635, nachdem die Schweden 1634 in der Schlacht von Nördlingen eine vernichtende Niederlage erlitten hatten und deren Vormachtstellung in Süddeutschland zusammengebrochen war, konnte er in seine Bistümer zurückkehren und beginnen, das heruntergekommene und vollständig verarmte Herzogtum Franken wieder aufzubauen. Seine besondere Fürsorge galt den Menschen auf dem flachen Lande, die den Schrecknissen des Krieges am meisten ausgesetzt waren. Seinen Amtleuten gab er immer wieder Anweisungen, wie sie die Landleute bei den drückenden Einquartierungen so weit wie möglich schonen sollten, und verlangte von ihnen, die Lasten gerecht zu verteilen. Waren Truppen im Anzug, so warnte er seine Amtleute rechtzeitig und wies sie an, wohin die Dorfleute mit ihrem Vieh zu flüchten hätten, bis er wieder Entwarnung gäbe. Er ging sogar so weit, den Bauern, denen die durchziehenden Truppen ihre Zugtiere weggenommen hatten, für die Saat- und Erntearbeiten Anspannpferde auszuleihen oder, wie im Beispiel Waldmannshofen, bei besonderer Not auf die Einsammlung des Zehnten über Jahrzehnte hinweg zu verzichten. In religiöser Hinsicht war er äußerst tolerant und großmütig. Ihm verdanken wir, dass sich die religiösen Spannungen in unserem Raum entkrampften und die trennende Kluft zwischen den Konfessionen überbrückt wurde. Während noch wenige Jahrzehnte zuvor Bischof Julius Echter im Zuge der Gegenreformation nicht nur die Menschen im Bistum Würzburg zum katholischen Glauben zurückgeführt hatte, sondern auch bisher reichsritterschaftliche Ortschaften wie das durch die Herren von Finsterlohe reformierte Laudenbach, und noch Bischof Philipp Adolf, der Vorgänger von Bischof Franz, massiven Druck auf die Andersgläubigen ausgeübt und dadurch viele entwurzelt hatte, beließ er die Menschen in den ehemaligen rosenbergischen Herrschaftsgebieten bei ihrem protestantischen Glauben. Für den Wiederaufbau in Würzburg zog er alle aufbauwilligen Kräfte heran, ganz gleich, ob sie vorher den Schweden gedient hatten oder nicht. Bei seinen protestantischen Nachbarn bemühte er sich um gute nachbarschaftliche Beziehungen und kam ihnen in großzügiger Weise entgegen. Seine Amtleute wies er immer wieder an, „mit den benachbarten Herrschaften gut Freundschaft zu halten.“ Dieses vorbehaltlose Entgegenkommen, gepaart mit religiöser Unbefangenheit, galt auch der Reichsstadt Rothenburg. Aber die Menschen hier sahen sich noch nicht in der Lage, ihm in derselben Unbekümmertheit zu begegnen. Die bitteren Erlebnisse der vergangenen Jahrzehnte, der Druck, den Kaiser Ferdinand II. ausgeübt hatte, und die Verfolgungswut des vorigen Bischofs Philipp Adolf, durch die viele von Haus und Hof vertrieben worden waren, die nun in Rothenburg lebten und nicht vergessen konnten, lastete zu schwer auf ihrer Seele. Auch die regierenden Kreise in Rothenburg, wie z.B. Bürgermeister Nusch, verhielten sich zurückhaltend. Gepflegt wurden die Beziehungen zu Bischof Franz durch Rechtsrat Georg Christoph Walter, dem Rechtsberater der Stadt, Bürgermeister Hohenberger, Stadtrat Georg Dürr und später besonders durch Bürgermeister Styrzel, von dem noch die Rede sein wird. Fürstbischof Franz von Hatzfeld Hermann von Hatzfeld, geb. 1602, war Obrist in der Armee seines Bruders und Reichshofrat. Er war verheiratet mit Maria Katharina, Freiherrin von Dalberg. Das Ehepaar hatte 9 Kinder. Nach dem Erwerb der ehemaligen rosenbergischen Herrschaften in Franken durch Graf Melchior schied er aus dem Heer aus, um die Betreuung der hatzfeldischen Besitzungen zu übernehmen. Er residierte im Schloss Haltenbergstetten und war für 30 Jahre Nachbar und Ansprechpartner der Stadt Rothenburg. Das Losungswort des Bischofs, mit allen Nachbarn in Freundschaft verbunden zu sein, machte auch er sich zu eigen, besonders im Blick auf die Stadt Rothenburg. Schon im Vertrag über die Verpfändung von Oberstetten im Jahre 1642 zeigte er sich als Freund Rothenburgs. Und diese Freundschaft vertiefte sich immer mehr und blieb — über seinen Tod hinaus. Nach dem Tod des Feldmarschalls ging Graf Hermann zunächst daran, seinem Bruder ein würdiges Totengedächtnis zu bereiten. Der Leib des Feldmarschalls wurde einbalsamiert und in einem zinnernen Sarg verschlossen, den ein Breslauer Zinngießer für 186 Reichstaler angefertigt hatte. Die Beisetzung erfolgte ein Vierteljahr später, zunächst in der Trachenberger Pfarrkirche. Als endgültige Ruhestätte ließ Graf Hermann, entsprechend dem Wunsch des Verstorbenen, eine besondere Kapelle an der Stadtpfarrkirche in Prausnitz, einem kleinen Städchen innerhalb der Herrrschaft Trachenberg, errichten. Das Herz des Feldmarschalls wurde im Mai 1659 in einer silbernen Büchse von Trachenberg nach Laudenbach in die Bergkirche gebracht und dort am 17. Juli in einem prachtvollen Grabmal aus Alabaster, das der Forchtenberger Bildhauer Achilles Kern im Auftrag von Graf Hermann angefertigt hatte, eingeschlossen. Graf Melchior war die Wallfahrtskirche in Laudenbach besonders ans Herz gewachsen. Als Grund- und Patronatsherr hatte er ab 1649 an dem baufälligen Kirchengebäude einen neuen Giebel und Dachstuhl bauen und dieses im Innern grundlegend restaurieren lassen. Die Wallfahrtsseelsorge hatte er 1651 Mitgliedern des Predigerordens übertragen und einen der Patres als seinen Hofkaplan eingesetzt. Als er wieder zur Armee abberufen wurde, hatte er das angefangene Bauwerk seinem Bruder Hermann als eine ihm am Herzen liegende Sache übertragen. Durch die von ihm gewünschte Beisetzung seines Herzens in der Bergkirche wollte der sehr fromme Feldherr dem Gnadenbild der Mutter Gottes mit dem Herzen, d. h., mit dem Innersten des Menschen, auch nach dem Tode nahe sein. Das Grabmal, das in der Bergkirche zunächst vor dem Hochaltar aufgebaut wurde, zeigt oben den Feldmarschall in Lebensgröße auf einer Alabasterpiatte liegend. An die mit schweren Reiterstiefeln bekleideten Füße schmiegt sich seine Lieblingsdogge Trcka. An diese ist der hatzfeldische Wappenschild angelehnt. Die Seitenwände schmücken Reliefs mit sehr realistisch dargestellten Szenen aus Schlachten und Siegen des Verstorbenen. Ein zweites, fast identisches Grabmal ließ Graf Hermann von demselben Künstler für die von ihm erbaute Kapelle in Prausnitz anfertigen. £s wurde im Januar 1663 in 29 Kästen auf Fuhrwerken von Forchtenberg nach Breslau gebracht und von dort auf sechs Schlitten nach Prausnitz überführt. Nach Fertigstellung der Kapelle im Jahre 1667 wurde der Zinnsarg mit dem Leib von Graf Melchior endgültig dort in der Gruft beigesetzt und darüber das Grabmal errichtet. Für beide Grabmale erhielt der Forchtenberger Künstler insgesamt 800 Reichstaler, d.h. 400 pro Grabmal (umgerechnet je ca. 480 Gulden). Während sich das Prausnitzer Grabmal heute noch in sehr gutem Zustand befindet, hat das 1748 vom Kircheninneren in eine dafür neu erbaute Seitenkapelle übersetzte Grabmal in Laudenbach durch die dort aufsteigende Feuchtigkeit sehr gelitten. Nach einer Reihe total missglückter Restaurierungsversuche konnte es schließlich im vergangenen Jahr in einer Spezialwerkstätte in Ditzingen mit Erfolg restauriert werden. Seit April dieses Jahres ist es in alter Pracht der Allgemeinheit wieder zugänglich. Nach dieser kurzen Abschweifung wieder zurück zu den Beziehungen der Stadt Rothenburg zu Graf Hermann von Hatzfeld. — Schon zu Lebzeiten seines Bruders Melchior hatte Graf Hermann in dessen Auftrag viele Verhandlungen mit der Stadt Rothenburg abgewickelt. Um nicht dessen Zorn zu erregen, hatte er dabei sehr vorsichtig vorgehen müssen und der Stadt nicht zu sehr entgegenkommen dürfen, denn Melchior war ein herber Kriegsmann, der auf seinen erworbenen Rechten bestand und sich diese nicht gern schmälern ließ. Verhandlungspartner von Seiten der Stadt Rothenburg waren — neben einigen wenigen anderen — besonders der bereits genannte Rechtsberater der Stadt, Dr. Georg Christoph Walter, der das Vertrauen des Feldmarschalls besaß, da er dessen Rechte in den Prozessen gegen die rosenbergischen Erbberechtigten gut und gerecht vertreten hatte, und als verantwortlicher Ratsherr der rechtskundige und gesellschaftlich gewandte Bürgermeister Dr. Johann Georg Stürzel. Leicht war es für die Vertreter der einst stolzen, selbstbewussten, und nun durch die Kriegsereignisse gedemütigten, ausgebeuteten und verarmten Stadt Rothenburg zu jener Zeit nicht, den reichen Kriegsgewinnlern und dazu noch streng katholischen Herren von Hatzfeld entgegenzutreten und sie gar noch um Hilfe anzuflehen. Bürgermeister Stürzel, kein geborener Rothenburger, sondern in Augsburg aufgewachsen, hatte hier weniger Berühungsprobleme als die Alteingesessenen, besonders auch als Bürgermeister Nusch, dem er als engster Mitarbeiter diente. Er war unbefangener, weltoffener und vermochte darum die trennende Kluft zu überschreiten, um bei den Verhandlungen das Bestmögliche für die Stadt zu erreichen. Graf Hermann von Hatzfeld war trotz des Reichtums, der ihm zugefallen war, ein äußerst sparsamer und umsichtiger Haushalter, der sorgsam darauf achtete, dass nichts von dem, was ihm zustand, durch Unachtsamkeit, Nachlässigkeit oder durch sog. Unregelmäßigkeiten, wie man es heute nennt, zu Grunde ging oder abhanden kam. Das geht besonders auch aus den gräflichen „Instruktionen“ für die von einem Vogt verwaltete Herrschaft Waldmannshofen aus den Jahren 1661/62 hervor, in denen wirklich alles bis in die kleinsten Einzelheiten geradezu pedantisch geregelt ist: das Einsammeln des Zehnten, das Führen der Gültregister, das Dreschen, das Lagern und die Behandlung des Getreides, das Backen des Brotes für die Froner (1 Teil Roggen, 2 Teile Dinkel), die Bebauung des ca. 60 ha umfassenden herrschaftlichen Schlossgutes, die Art der Düngung (Mist und Gülle sollten auf die Felder gebracht werden, die Notdurft in die Gärten), die Ernte und die Lagerung und Verwertung des Obstes aus den herrschaftlichen Gärten (was sich schlecht lagern ließ bzw. nicht sofort verwertet werden konnte, war zu dörren) und vieles andere mehr. Der Vogt hatte fast täglich nach Niederstetten über alle Vorgänge und Probleme in Waldmannshofen zu berichten, so dass Graf Hermann über alles stets genauestens informiert war. Dieser vertraute darauf allein jedoch nicht. — Neben dem Vogt gab es noch den sog. Gegenschreiber, den der Vogt bei allen wichtigen Maßnahmen beiziehen musste. Seine Aufgabe war, dem Vogt auf die Finger zu schauen, stets ein Gegenregister zu führen und unabhängig von diesem nach Haltenbergstetten Bericht zu erstatten. — Ein wohldurchdachtes System nach dem Grundsatz: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“! Es ist von hier her gesehen begreiflich, dass Graf Hermann keinerlei Verständnis zeigte, wenn in seiner eigenen Familie der Wert des Geldes nicht genug geachtet und allzu großzügig damit umgegangen wurde. Und hier hatte er große Probleme. Quellen und Literatur: Hohenlohe — Zentralarchiv Neuenstein, Archiv Niederstetten, Fasz. 85, 135, 136, 138, 197, 198, 227, 228, 339, 360, Pergamenturkunde Nr. 62 Staatsarchiv Würzburg, Standbuch 111, 5. 617 ff u. 335 ff Stadtarchiv Rothenburg, Stadtrechnungsbuch von 1667 Beutter, Wilfried, Niederstetten unter den Hatzfeld, in: Krüger, Walter, 650 Jahre Stadt Niederstetten, Niederstetten 1991 Dannheimer, Wilhelm, Kompetenzstreit zwischen einem Maler und verschiedenen Handwerkern zu Rothenburg 1660, in „Die Linde“, 1961, Nr. 4 Hofmann, Inge, Geschichte des Schlosses Waldmannshofen — Stoffsammlung für eine Orts- und Heimatgeschichte (Schreibmaschine), Waldmannshofen 1960 Holstein, Kurt, Rothenburger Stadtgeschichte, Rothenburg, 6. Auflage von Hatzfeld, Friedrich Graf, Die Herrschaft Trachenberg/Schlesien, Köln 1995 von Hatzfeld, Friedrich Graf, Die Familie Hatzfeld-Wildenburg auf Crottorf und Schönstem, Crott orf 1998 Krämer, Albert, Waldmannshofen — Schloss und Herrschaften (Schreibmaschine), Creglingen 1992 Sanft, Wolfgang, Schlesiens schönstes Kriegergrab des 17. Jahrhunderts, in Sanft, Wolfgang, Prausnitz 1990 (5. 72 — 82), Weiden 1990 Schaeff-Scheefen, G. Harro, Rothenburg ob der Tauber, Rothenburg 1950 Schmid, Heinrich, Aufrichtung einer Hatzfeldischen Herrschaft, in: „Fränkischer Feierabend“, 1958, Nr. 3 Schmid, Heinrich, Die Beziehungen Rothenburg — Hatzfeld, in: „Fränkischer Feierabend“, 1959, Nr. 10 und 11 Schmid, Heinrich, Johann Georg Stürzel (= Styrzel), in: „Fränkischer Feierabend“, 1960, Nr. 8 Schmid, Heinrich, Landvogtei im Gau, Landvogtei im Zwerchmair (Steuerbare 1618 u. 1641), in: „Fränkischer Feierabend“, 1958, Nr. 3, 5. 22 —24 Eigentum, Druck und Verlag: Schneider Druck GmbH, 91541 Rothenburg ob der Tauber Nachdruck sämtlicher Artikel, auch auszugsweise, nur nach Rückfrage beim Verlag gestattet. Redaktion im Auftrag des Vereins „Alt-Rothenburg“: L. Schnurrer, Rothenburg ob der Tauber. 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Mit 32 Jahren war er bereits Oberstleutnant und übernahm ein Reiterregiment, das er von der Nordspitze Jütlands durch ganz Dänemark und Deutschland bis nach Italien führte. 1633/34 kämpfte er in Schlesien unter Wallenstein. Im Mai 1635 wurde Melchior zusammen mit seinem jüngeren Bruder Hermann und seinem Vetter Heinrich aus der Wildenburger Linie in den Reichsgrafenstand erhoben. Im Juni desselben Jahres erhielt er seine Ernennung zum kaiserlichen Generalfeldmarschall und Hofkriegsrat. Zunächst bekam er den Auftrag, mit der kaiserlichen und kursächsischen Arme elbabwärts zu ziehen, das schwedische Heer unter Bernhard von Weimar nach Norden abzutreiben und Magdeburg zu erobern. Im Oktober 1636 erlitt er bei einem Vorstoß nach Pommern bei Wittstock eine schwere Niederlage. 1638 gelang es ihm, die Schweden in Polen vernichtend zu schlagen. Von 1638 — 1644 war er Oberkommandierender der kaiserlichen Armee im niederrheinischen und westfälischen Reichskreis. Graf Melchior von Hatzfeld gehörte zwar nicht zu den herausragenden Heerführern des Dreißigjährigen Krieges wie Tilly, Wallenstein oder Gustav Adolf, er zeichnete sich aber durch gründliche Kenntnisse des Kriegshandwerks, ein hervorragendes Organisationstalent und eine außergewöhnliche Zuverlässigkeit aus. Seine Biographen rühmen daneben seine persönliche Bedürfnislosigkeit, durch die er sich von der maßlosen Gewinnsucht anderer Truppenführer wohltuend abhob. Trotzdem scheint auch er den Krieg als ein für ihn und seine Familie erfolgreiches Unternehmen betrieben zu haben. Das zeigen seine umfangreichen Gebietserwerbungen, die ja bezahlt werden mussten. Wie bereits erwähnt, belehnte Bischof Franz von Hatzfeld 1636 seinen Bruder Melchior mit der an Würzburg zurückgefallenen Herrschaft Haltenbergstetten. Er hatte sein Domkapitel davon überzeugt, dass ein erfolgreicher und finanzstarker General als neuer Lehensherr für die heimgefallenen rosenbergischen Herrschaften sich sicherlich für das Land positiv auswirken werde. 1637 erwarb Graf Melchior von Hatzfeld das unter brandenburgisch-ansbachischer Lehensherrschaft stehende Waldmannshofen und im Lauf der folgenden Jahre auch die beiden anderen ehemals rosenbergischen Herrschaften Schüpf bei Mergentheim und Rosenberg im Odenwald sowie Häuser, Güter, Gärten und Weinberge in und um Würzburg. Dazu kam 1641 noch die ihm gegen 30 000 Gulden verpfändete Vogtei Laudenbach mit der Bergkirche. Daneben hatte ihm sein Bruder, Bischof Franz, bereits 1629 die Herrschaft Carlsberg in Kärnten verschafft und ihm 1639 der Kurfürst von Mainz die Herrschaft Gleichen mit Blankenhain in Thüringen verliehen. 1641 erhielt er in Anerkennung seiner Verdienste die von Kaiser Ferdinand II. eingezogene, ca. 50 km nördlich von Breslau gelegene Herrschaft Trachenberg in Schlesien, die bis 1945 im Besitz der Familie blieb. Die Mittel für diese Erwerbungen verschaffte er sich mit den damaligen Methoden der Kriegsfinanzierung. Das gängige Wort „Der Krieg ernährt den Krieg“ galt auch für ihn, wenn er auch dabei humaner vorging als andere Feldherren und die besetzten Gebiete so weit es ging schonte. Als Feldherr hatte er die Aufstellung, Ausrüstung und Unterhaltung seiner Truppen zu bezahlen — entweder aus eigener Tasche oder mit geliehenen bzw. aus den besetzten Gebieten herausgepressten Geldern. Die Zahlungen stellte er dann dem Kaiser und den jeweiligen Territorialherren in Rechnung. Diese erstatteten seine Aufwendungen statt in Geld, das sie in der Regel nicht mehr besaßen, in Ländereien, Gütern oder auch in Titeln. Bereits 1635 war Melchior von Hatzfeld für die Entschädigung von außerordentlichen Aufwendungen in die kaiserliche Schuldenliste mit 200 000 rheinischen Gulden aufgenommen worden. D.h., der Kaiser war schon zu diesem Zeitpunkt mit der ungeheuren Summe von 200 000 Gulden bei seinem neuernannten Feldherm verschuldet. Nach Franken kam General Melchior erst 1642. Als er seinen neuen Lehenbesitz besah, kam er in Berührung mit Rothenburg. Georg Christoph Walter, der die Interessen des Generals gegenüber den rosenbergischen Erben vertrat, musste einen Vortrag halten. Zur gesundheitlichen Beratung wurde der bekannte Rothenburger Arzt Dr. Josaphat Weinlein vom Wildbad beigezogen. Die Rothenburger Stadtoberen erkannten sehr rasch, dass ihre neuen Nachbarn das hatten, woran es ihnen in jener Zeit ungemein mangelte, nämlich Geld. Als sie durch die kaiserlichen Besatzungstruppen immer mehr unter Druck gesetzt wurden, wandten sie sich an Bischof Franz und baten ihn, sich bei seinem Bruder dafür zu verwenden, dass er der Stadt Rothenburg 4000 Gulden vorstrecken möge, damit sie ihren Zahlungsverpflichtungen gegenüber den kaiserlichen Truppen nachkommen könne. Der Bischof, der die finanzielle Bedrängnis der Stadt kannte, erklärte sich dazu bereit und trat als Fürsprecher an den General heran. Dieser war überrascht und erwiderte: Er wolle sein Geld lieber seinem Kaiser dienstbar machen als der Stadt. Im Juni 1642 kam es aber dann doch zu einem Vertrag mit Rothenburg. — Die Stadt verkaufte dem General den Grenzwald zwischen Wildentierbach und Niederstetten, die sog. „Heften“, und erhielt dafür einen Betrag von 1500 Gulden. Die Verantwortlichen der Stadt hätten gerne mehr gehabt, und Bischof Franz war bereit, seinen Bruder weiter zu bearbeiten. Aber vier Wochen später starb der Bischof überraschend, erst 46 Jahre alt, nicht nur für die Bistümer Würzburg und Bamberg, sondern auch für die Stadt Rothenburg ein herber Verlust. Im November 1642 kam die hatzfeldische Armee in die Winterquartiere nach Franken, der General nach Haltenbergstetten. Er schrieb sofort an den General Trauditz, dem das rothenburgische Gebiet zugewiesen wurde, dass er die Stadt soviel wie möglich zu schonen habe, und gab ihm genaue Anweisungen über die Verpflegung der Truppe, damit keine Überforderungen entstehen konnten. Trotzdem brachte die Stadt die verlangte Geldsumme nicht auf und wandte sich mit einem erneuten Darlehensansuchen an den General. Dieser stellte sich zunächst wieder taub. Die Vertreter der Stadt wandten sich nun an den jüngeren Bruder des Generals, Graf Hermann von Hatzfeld, der umgänglicher war, und versuchten, ihn für die Sache Rothenburgs zu erwärmen. Dieser bewirkte im Dezember 1642, dass die Stadt doch das Darlehen von 4 000 Gulden bekam, allerdings gegen Verpfändung der Gemeinde Oberstetten an die Grafen von Hatzfeld und gegen 6% Verzinsung. Der General hatte damit nicht nur seinen politischen Feinden ein Darlehen gewährt, sondern — und das war das Kuriosum — indirekt damit die vom besetzten Gebiet zu erhebenden Verpflegungskosten für seine eigenen Truppen bezahlt. Bei der Summe von 4000 Gulden, die die Stadt Rothenburg Graf Melchior von Hatzfeld schuldete, blieb es jedoch nicht. Bereits im Jahre 1604 hatte die Stadt beim Domkapitel in Würzburg ein Darlehen von 20 000 Reichstalern aufgenommen. Die Zinsen zu 33/4 % hatte sie bis zum Jahre 1629 entrichtet; seither wurden diese gestundet und der Schuldsumme zugeschlagen. Als Bischof Franz in Würzburg den Wiederaufbau vorantrieb, fehlte dem Domkapitel das dazu notwendige Geld. Melchior von Hatzfeld streckte 1642 20 000 Gulden vor und verlangte dafür als Pfand die Ortschaften Bieberehren, Klingen und Buch, wodurch sein Besitz zwischen der Vogtei Waldmannshofen und Haltenbergstetten geschlossen worden wäre. Das Domkapitel war jedoch nicht bereit, Steuerzahler zu verpfänden, da die vom Reich auferlegten Lasten sich dadurch nicht verminderten und die anderen Steuerzahler des Bistums umso höher besteuert worden wären. 1644 übertrug das Domkapitel dafür die alte Hypothek Rothenburgs über 20 00 Reichstaler, die mit den seit 1629 aufgelaufenen Zinsen inzwischen auf 32550 Gulden angeschwollen war, im Einverständnis mit der Stadt auf Graf Melchior von Hatzfeld. Zu dieser gewaltigen Schuldsumme der Stadt Rothenburg gegenüber dem Feldmarschall kam noch das seit 1642 laufende Darlehen über 4000 Gulden. Die finanzielle Belastung der Stadt Rothenburg wurde immer drückender. Durch die verheerenden Folgen des Krieges, unter denen die Menschen in den ungeschützten Dörfern der Landwehr besonders zu leiden hatten, schmolz mit der Zahl der Überlebenden für die Stadt auch die Zahl derer, die noch Steuern zahlen konnten, immer mehr zusammen. Ein Vergleich der Steuerlisten aus den Jahren 1618 und 1641 zeigt eine erschreckende Bilanz: Hatte man beispielsweise in Ohrenbach 1618 insgesamt 40 steuerbare Untertanen, wie es in den Unterlagen heißt, gezählt, so waren es 1641 noch 2, in Schwarzenbronn waren von 12 noch 4 verblieben, in Tauberscheckenbach von 24 noch 2. In manchen Ortschaften sah es etwas besser aus, z. B. in Oberstetten und Finsterlohr, in vielen Ortschaften aber gab es 1641 überhaupt keinen Steuerbaren mehr. Insgesamt zählte man in der Landwehr - ich habe versucht, es zusammenzurechnen — gegenüber 1 689 Steuerbaren im Jahre 1618, im Jahre 1641 noch 504, das waren noch 30 %. — Ohne die furchtbare Not und das Elend der Menschen, das aus diesen Zahlen spricht, zu übersehen, wirkte sich das auf die finanzielle Situation der Stadt verheerend aus, denn die vorgeschriebenen Reichssteuern mussten in voller Höhe bezahlt werden. Durch die Verpfändung von Oberstetten hatte sich die Zahl der Steuerpflichtigen zusätzlich um 70 vermindert. Trotzdem sah sich die Stadt schließlich gezwungen, auch Wildentierbach und etwas später auch noch Hachtel an Melchior von Hatzfeld zu verpfänden, um weitere Anleihen von ihm zu erhalten. Nach dem Westfälischen Frieden brach noch eine weitere schwere Belastung über die Stadt herein: In den Friedensverhandlungen war neben einer Abfindung für die Schweden auch eine solche für den Kaiser beschlossen worden, die von den einzelnen Reichsständen — also auch von den Reichsstädten — zu entrichten war. Auf die Stadt Rothenburg entfiel als Abgabe für den Kaiser die enorme Summe von 19 060 Gulden. Die Stadt bemühte sich nach Kräften, die Abfindung für die Schweden so rasch wie möglich zu bezahlen, um sich diese vom Hals zu schaffen. Mit den Forderungen des Kaisers ließ sie sich Zeit. Sie versuchte zunächst, diese durch Darstellung ihrer äußerst schwierigen Finanzlage zu mindern oder ganz abzuwenden. Daraus entwickelten sich langwierige Verhandlungen. Als diese zu nichts führten, reagierten die Stadtoberen überhaupt nicht mehr. Schließlich übertrug der Kaiser 1653 kurzerhand seine Forderung von 19 060 Gulden gegenüber der Stadt Rothenburg auf seinen Feldmarschall Melchior von Hatzfeld, dem er ohnedies eine hohe Summe an Geld schuldete. Der konnte nun schauen, wie er „mit militärischer Strenge“ zu seinem Geld kam. Der Stadt erwuchs dadurch neben der bisherigen eine neue schwere Schuldenlast gegenüber dem Feldmarschall. Dieser hatte sich 1647 vom Kriegsgeschehen zurückgezogen, um sich dem Auf- und Ausbau seiner umfangreichen Besitzungen zu widmen. Wenn er sich in Franken aufhielt, kam er öfters auch nach Rothenburg, um Geld- und Rechtsgeschäfte zu regeln. Während die Stadt Rothenburg bei der alten Würzburger Schuld durch ein 1654 vom Reichstag beschlossenes Moratorium, durch das die Rückzahlung um 10 Jahre hinausgeschoben und von den rückwärtigen Zinsen 3/4 gestrichen wurden, etwas Luft schöpfen konnte, trieb Graf Melchior die Rückzahlung der auf ihn übertragenen kaiserlichen Forderung unerbittlich ein. Als im August 1654 die erste Abzahlung in Höhe von 1 080 Gulden nicht pünktlich bei ihm eingegangen war, erschien in Rothenburg umgehend ein sog. „Presstrompeter“, der die sofortige Auszahlung verlangte und wegen seiner Bemühungen eine Rechnung über 16 Gulden vorlegte. 1657 wurde Melchior von Hatzfeld, 64 Jahre alt, von Kaiser Ferdinand nochmals an die Spitze einer Reichsarmee befohlen. — Im Schwedisch—Polnischen Krieg (1655— 1660) hatten die Schweden unter ihrem König Karl Gustav 1656 ganz Polen erobert. Der Kaiser versprach Polen Hilfe und holte seinen alten Feldmarschall. Dieser schlug die Schweden 1657 bei Krakau und eroberte nach nur einmonatiger Belagerung die Stadt. Dann musste er krankheitshalber den Oberbefehl niederlegen. Er zog sich in seine Herrschaft Trachenberg zurück und starb dort im Januar 1658. Seine gesamten Besitzungen gingen an seinen Bruder, Graf Hermann von Hatzfeld über, den er in seinem militärischen Testament als Alleinerben eingesetzt hatte. Ölbild von Graf Melchior von Hatzfeld Kurz nach dem Tod seines Bruders Melchior brach im Hause Hatzfeld ein Familienstreit aus zwischen Graf Hermann und seinen beiden hohenlohischen Schwiegersöhnen. Zwei der Hatzfeld-Töchter haften je einen hohenlohischen Grafen geheiratet, Lucia den Grafen Christian von Hohenlohe-Bartenstein, und Maria Eleonore den Grafen Ludwig Gustav von Hohenlohe-Schillingsfürst. Das Heiratsgut für die beiden Töchter war auf 12 000 Gulden festgesetzt worden, wovon die Stadt Rothenburg als Schuldner der Hatzfeld einen bestimmten Teil in Raten abtragen sollte. Die beiden Grafen beriefen sich darauf, dass der Feldmarschall seinen beiden Nichten eine schöne Aussteuer versprochen habe. Sie erwarteten diese zusätzlich zum Heiratsgut und erhoben nun Ansprüche an Graf Hermann. Dieser aber wies sie ab mit der Erklärung, er sei ihnen nichts mehr schuldig. In einer Verhandlung in Rothenburg in der Wohnung des Stadtkapitäns Johann von Badell, zu der auch einige Rothenburger Sachverständige als Unparteiische geladen waren, sollte die Angelegenheit geklärt werden. Hier prallten aber die Meinungen und gegenseitigen Vorhaltungen so ungestüm und geradezu grotesk aufeinander, dass die Rothenburger Abgesandten den Verlauf als unerfreulich und unergiebig betrachteten und sich verabschiedeten. — Drei Wochen nach dieser Auseinandersetzung stellte Graf Hermann heftige Forderungen an die Stadt. Der städtische Arzt Dr. Sauber hatte Gelegenheit, die Sache mit den hatzfeldischen Verwaltern und der Gräfin zu besprechen und erstellte daraufhin ein Gutachten über eine moderatere Zahlung der Zinsen und Tilgungen angesichts der angespannten Finanzlage der Stadt. Graf Hermann, dem das Schriftstück nach Thüringen nachgesandt wurde, wo er sich zu jener Zeit auf seinen dortigen Gütern aufhielt, versah dieses mit scharfen Randbemerkungen und stellte klar, dass er erwarte, dass die Stadt ihr Äußerstes tun werde, um ihren Verbindlichkeiten gegen ihn nachzukommen. Aufschlussreich ist der Randvermerk: “ wenn andere fit suchten mich zu pressen, so wollte ich gern ein mehreres Einsehen haben “ Wen meinte er mit diesen anderen?— Neben seinen beiden hohenlohischen Schwiegersöhnen sicherlich seine Söhne, mit denen er große Probleme hatte, weil sie seiner Ansicht nach ein Luderleben führten und das Geld mit vollen Händen ausgaben. Auch seine aus dem Rheinland stammende lebenslustige Gemahlin, mit der er wenig Gemeinsamkeiten hatte und sich zeitweise genauso schlecht verstand wie mit seinen Söhnen, kann daneben mit gemeint sein. Gut für ihn war, dass es in Niederstetten ein gastfreies, für ihn stets offenes Haus gab, in dem er seinen Arger und seine Probleme hinter sich lassen, vielleicht auch zuweilen seinen Kummer von der Seele reden konnte, so dass es ihm hernach leichter ums Herz war. Dieses Haus war — so eigenartig es bei dem streng katholischen Grafen Hermann und dazu zu jener Zeit klingt — das protestantische Pfarrhaus. Der Niederstettener Pfarrer und Dekan Johann Heinrich Rieß war zuvor (1624 — 1645) Pfarrer in Rothenburg und Konrektor am Gymnasium gewesen. Er hatte in Rothenburg einen literarischen Kreis von Geistlichen und anderen Akademikern ins Leben gerufen, der regelmäßig in der Mohrenapotheke tagte. 1645 hatte ihn General Melchior von Hatzfeld auf Anraten seines Bruders Hermann auf das Dekanat in Niederstetten berufen. Im gastfreien Hause dieses protestantischen Geistlichen fühlte sich Graf Hermann wohl. Sowohl Dekan Rieß als auch seine Ehefrau Margareta waren geistreiche, weltoffene, dabei aber einfache und grundehrliche Leute, mit denen man sich über alles mögliche anregend unterhalten konnte. Graf Hermann liebte das weit mehr als die Prunksucht seiner Gemahlin. Hier kam er auch in persönliche Berührung mit Bürgermeister Stürzel, der mit Dekan Rieß von dessen Rothenburger Zeit her eng befreundet war. Er hatte diesen zuvor nur von den leidigen Geldgeschäften her gekannt. — 1658 starb die Gemahlin von Bürgermeister Stürzel. Ein Jahr später holte sich dieser die Tochter Barbara seines Freundes Rieß in Niederstetten als Ehefrau in sein Haus in der Herrngasse, das heutige Staudtsche Haus. — Wenn Graf Hermann nunmehr in Rothenburg zu tun hatte, versäumte er es nie, auch bei Frau Barbara vorbeizuschauen. Und da sich auch die Beziehungen zu Bürgermeister Stürzel immer mehr vertieften, fühlte er sich bald im Hause Stürzel in der Herrngasse genauso zu Hause wie im evangelischen Pfarrhaus in Niederstetten. Als er 1662 auf Grund einer ärztlichen Behandlung durch Dr. Weinlein im Wildbad wohnte, brachte er fast ebensoviel Zeit im Hause Stürzel zu wie im Wildbad. Der Rat der Stadt bemühte sich während dieser Zeit, Graf Hermann als ihren größten Gläubiger immer wieder durch kleine Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten, z.B. Weinpräsente, einmal einen erbeuteten jungen Hirsch, ihren guten Willen zu zeigen, was dieser auch als solches stets registrierte und sich darüber freute. 1666 zwangen ihn seine Söhne, seine mainzischen und würzburgischen Lehen an sie abzutreten. Das betraf alle ehemaligen rosenbergischen Herrschaften in Franken — auch Laudenbach — außer Waldmannshofen, das ein brandenburgisch — ansbachisches Lehen war. Graf Hermann verließ Franken und zog sich verbittert auf seine Besitzungen in Thüringen zurück. Später residierte er häufig in Waldmannshofen, wo er sich Anfang der Sechziger Jahre durch eine Erweiterung des Schlosses offenbar diese Möglichkeit gesichert hatte. Von hier aus kam er auch des öfteren nach Rothenburg zu Badekuren, aber auch der Geldgeschäfte wegen. Diese wurden nun zügig geregelt: Die der Stadt vom Feldmarschall im und nach dem Krieg gewährten Anleihen wurden in Raten an die Schwiegersöhne des Grafen abbezahlt. Die 1653 auf den Feldmarschall übertragenen Forderungen des Kaisers in Höhe von 19060 Gulden wandelte Graf Hermann im Einvernehmen mit der Stadt in eine Leibrente für sich selbst um, die mit seinem Tode enden sollte. Für die Stadt Rothenburg war damit im Blick auf die Zukunft eine schwere Last vom Tisch. Für die Gegenwart war es jedoch eine harte Angelegenheit, da die regelmäßigen Zahlungen mit zusätzlichen Belastungen durch die Türkenkriege zusammenfielen. Aber die Stadt bemühte sich mit allen Kräften, die Leibrente pünktlich zu entrichten. Lieber machte sie neue Schulden, als den alten, sehr empfindsam gewordenen Grafen zu vergrämen. Im Hintergrund stand aber immer noch die alte, ungetilgte Würzburger Schuld, die inzwischen mit Zinsen auf 33 600 Gulden angewachsen war. Die Verantwortlichen der Stadt, besonders Bürgermeister Stürzel, suchten nach Wegen, diese unerschwingliche Schuldsumme irgendwie abzubauen. Ihnen allen war klar, dass Erleichterungen nur durch ein Entgegenkommen des Grafen Hermann erreicht werden konnten. Doch dann nahm die Sache eine überraschende Wendung: Als 1667 die letzte Abmachung über die Leibrente abgeschlossen war und die Zahlungen pünktlich anliefen, entschloss sich Graf Hermann, die 33 600 Gulden der Stadt Rothenburg zu schenken. Er schrieb sein Testament, in dem er auf die Rückzahlung der „Würzburger Schuld“ verzichtete. Die Summe von 33 600 Gulden entsprach damals etwa dem Wert von 1000 Pferden. Rechnet man für ein Pferd mit einem durchschnittlichen Preis von 2 — 2½ tausend Euro, so entspricht das heute einem Betrag von ca. 2 — 2 ½ Millionen Euro. Gemessen an den heutigen Einkommensverhältnissen sagt diese Summe jedoch wenig aus über den Wert, den die Summe von 33600 Gulden im Jahre 1667 für die Stadt Rothenburg darstellte. Ich will deshalb versuchen, den damaligen und heutigen Haushalt der Stadt zum Vergleich heranzuziehen: Nach den Eintragungen im Stadtrechnungsbuch betrugen die Einnahmen der Freien Reichsstadt Rothenburg im Jahre 1667 an Gold- und Silbergeld insgesamt rund 98500 Gulden. Messen wir daran die Summe von 33600 Gulden, so entsprach diese damals mehr als einem Drittel des gesamten Haushaltsvolumens der Stadt. Rechneten wir vom diesjährigen Gesamthaushalt der Stadt Rothenburg, der nach einem Bericht in den Fränkischen Nachrichten insgesamt 27,2 Millionen Euro umfasst, ein Drittel, so ergäbe das rd. 17,7 Millionen Euro bzw. 53,2 Mill. DM. Dabei kann meines Erachtens die derzeitige Finanzlage der Stadt mit Sicherheit in keiner Weise mit der des Jahres 1667 bzw. der Notlage nach dem Dreißigjährigen Krieg verglichen werden. Welche Gründe Graf Hermann letztlich dazu bewegten, diese riesige Summe dem Erbe seiner Söhne zu entziehen und der Stadt zu schenken, wissen wir nicht. Gewisse Anhaltspunkte gibt es jedoch, die diese Entscheidung zumindest mit beeinflusst haben könnten: das Luderleben seiner Söhne, das er nicht finanzieren wollte, die Freundschaft mit der Stadt Rothenburg, besonders mit Bürgermeister Stürzel, und vielleicht auch die Erkenntnis, dass bei dieser Stadt, die sich redlich bemühte, wieder auf die Beine zu kommen, das Geld besser angelegt sei; das Geschenk eines steinernen Marienbildes aus dem Frauenkloster, durch das Graf Hermann zu Tränen gerührt worden war, vielleicht auch die Verbitterung darüber, dass ihn seine Söhne im Jahr zuvor teilweise aus der Herrschaft verdrängt hatten. Die Verantwortlichen der Stadt Rothenburg wussten es jedenfalls zu würdigen. Aus Dankbarkeit für den Erlass der riesigen Schuldsumme ließen sie durch ihren Kirchenmaler Leonhard Wilhelm Kreß von ihren großen Wohltätern, Bischof Franz, Graf Melchior und Graf Hermann von Hatzfeld je ein Porträt anfertigen und die drei Bilder zu einem stets währenden Gedächtnis im Sitzungssaal des Rathauses aufhängen. Die Inschrift lautete: „Dem unvergleichlichen Dreigestirn der Gräflich Hatzfeldischen Brüder, dem erlauchten H.H. Franz, Bischof von Bamberg und Würzburg, Herzog von Franken — dem H.H. Melchior, Feldmarschall der kaiserlichen Heere — dem H.H. Hermann, seiner kaiserlich-königl. Majestät von Spanien Rat und Kämmerer — Ihren gütigen, überaus verdienstvollen Gönnern, hat für die vom Rat der Stadt und den Seinigen gewährten Dienste und Wohltaten im Tempel der Ewigkeit dieses Denkmal zur Verhütung von Undankbarkeit errichten zu müssen geglaubt.“ Der Maler Leonhard Wilhelm Kreß war erst 1660 Rothenburger Bürger geworden. Zuvor hatte er in Kirchberg an der Jagst gelebt und dort neben anderem auch für Graf Hermann von Hatzfeld gearbeitet. Da im Jahre 1667 von den drei Grafenbrüdern von Hatzfeld nur noch Graf Hermann lebte, kann es sich bei den drei Porträts nicht um Originalporträts handeln. Es ist deshalb anzunehmen, dass Leonhard Wilhelm Kreß hierbei seine eigenen Bilder kopierte. Erhärtet wird diese Vermutung durch eine Eintragung im Stadtrechnungsbuch von 1667, wo von drei contrefaicts Copien die Rede ist, für die dem Maler samt der Schrift und Zieraten 28 Gulden ausbezahlt wurden. Der Orgelschreiner Georg Siegmund Leißer erhielt nach demselben Eintrag für die Anfertigung der Rahmen dazu 7 Gulden 1 Batzen und 7 Schillinge, wobei die Stadt das Holz dafür geliefert hatte. Am 23. Oktober 1673 starb Graf Hermann von Hatzfeld in Rothenburg und wurde in der Bergkirche in Laudenbach beigesetzt. — Seine Söhne fochten die Schenkung an die Stadt Rothenburg an und versuchten, ihren verstorbenen Vater für unzurechnungsfähig erklären zu lassen. Sein Testament und die darin enthaltene Schenkung waren jedoch juristisch nach allen Seiten so gut abgesichert, dass sie nichts erreichten. — Rothenburg blieb seine Schulden los. Die drei Porträts verblieben im Sitzungssaal des Rathauses und erinnerten die Stadtväter Jahrhunderte lang an die einstigen Wohltäter. Als am Karsamstag (30. März) des Jahres 1945 die Stadt Rothenburg durch alliierte Flugzeuge angegriffen wurde und große Teile der Stadt, darunter auch das Rathaus, dem sich ausbreitenden Feuersturm zum Opfer fielen, verbrannten auch die Bilder der drei Grafen von Hatzfeld. Die Bilder galten als endgültig verloren. — Da sie nicht mehr im Sitzungssaal präsent waren, scheint damit auch im Laufe der Jahrzehnte die Erinnerung an die einstigen Gönner verblasst zu sein. Auf die Spur dieser Bilder hier brachte die Stadt Rothenburg ein Nachfahre der für Rothenburg so bedeutenden Herren von Hatzfeld, Graf Friedrich von Hatzfeld, der seine Jugend noch in Trachenberg verbracht hat und heute in Köln wohnt. Nach seiner Pensionierung erforschte er die Geschichte seiner Familie und verfasste zwei sehr eindrucksvolle Chroniken, zunächst eine über die Linie Trachenberg und anschließend eine über die Linie Wildenburg, die heute noch auf den alten Besitzungen in Nordhessen lebt. Daneben regte er auch einen Studenten an, sich bei seiner Dissertation mit den Hatzfeldakten zu beschäftigen. Dieser entdeckte in einem öffentlichen Gebäude der Stadt Altenkirchen diese beiden Bilder von Bischof Franz und Graf Hermann von Hatzfeld, die sich bei genauerer Untersuchung als Kopien der 1945 verbrannten Rothenburger Bilder entpuppten. Nachforschungen von Frau Krösche, der ehemaligen Rothenburger Archivarin, ergaben hierauf, dass im August 1901 auf Veranlassung von Fürst Mansfeld, Herzog zu Trachenberg, durch Kunstmaler Carl Heidner aus München je eine Kopie der drei Bilder angefertigt wurde. Die Kopien wurden zunächst im Sitzungssaal des Rothenburger Rathauses begonnen, dann nach München versandt und dort vollendet. Im Oktober desselben Jahres kam eine weitere entsprechende Anfrage von der Hatzfeldischen Domainen-Direktion Schönstem im Auftrag der Hatzfeldt- Wildenburgischen Kammer, Schloß Crottorf. Diese Kopien wurden durch Kunstmaler Otto Nausester aus Bad Elberfeld im Sommer 1907 angefertigt. Während die für den Fürsten von Trachenberg angefertigten Kopien 1945 beim Einmarsch der Russen mit dem Schloss in Trachenberg verbrannten, scheint es sich bei diesen beiden Bildern um die im Oktober 1907 durch Kunstmaler Nausester für die Hatzfeld — Wildenburgische Kammer auf Schloss Crottorf hergestellten Kopien zu handeln. Die Kopie des Bildes von Graf Melchior von Hatzfeld ist bis jetzt leider noch nicht aufgetaucht. Dass die mehr als 50 Jahre verlorengeglaubten Bilder der Grafen von Hatzfeld nun wieder nach Rothenburg heimgekehrt sind — wenn auch nur als Reproduktion von Kopien — und an würdiger Stelle die Erinnerung an die einstigen Gönner wiederaufleben lassen und wach halten, betrachte ich als einen seltenen Glücksfall. Durch ihre Entscheidung, das Angebot von Graf Friedrich von Hatzfeld aufzugreifen und die Reproduktion der wiedergefundenen Bilder anzupacken und durchzuziehen, haben die Verantwortlichen dieser Stadt, voran Herr Oberbürgermeister Hachtel, ein Stück verschüttete Rothenburger Geschichte wieder zurückgeholt. Sie haben damit, so wie ich es sehe, sicherlich auch im Sinne der einstigen Stadtväter gehandelt, die vor 325 Jahren die Porträts ihrer großen Wohltäter anfertigen und im Sitzungssaal des Rathaus es zu einem „stets währenden Gedächtnis“ aufhängen ließen.